Rede des Bundespräsidenten Joachim Gauck Afrika in Deutschland

Ich habe bisher in Deutschland nicht den Ruf, ein Afrikafachmann zu sein. Bei meinem Besuch in Äthiopien habe ich mich gefragt, wer mich dabei unterstützt, etwas näher an den Kontinent und seine Probleme heranzukommen. Und als ersten Schritt habe ich mich nun entschlossen, diese Einladung zu machen. Wir möchten eine Nähe herstellen zu Leuten,  die hier leben. Zu Leuten, die mit unserem Land vertraut sind, das zu ihrem Land geworden ist und die doch verbunden sind mit den afrikanischen Wurzeln. Und das machen wir eben ganz bewusst in einer Zeit, da Afrika das 50-jährige Jubiläum der Gründung der Organisation für Afrikanische Einheit feiert.

Wenig Wissen, das ist leicht kombiniert mit Vorurteilen - das darf sich ein Bundespräsident nun gar nicht leisten - und deshalb ist es so wichtig, dass wir dieses Treffen hier haben und wir werden uns Gedanken machen, in welcher Weise wir den einen oder anderen von Ihnen noch einmal einladen oder so etwas ähnliches wieder organisieren.

Und eben, als wir die Musik von Ivy Quainoo gehört haben, da hätten wir uns auch bewusst machen können, dass wir es mit einer Berlinerin mit Wurzeln in Ghana zu tun haben, Gewinnerin eines populären Wettbewerbs um die schönste Stimme Deutschlands. Sie ist erfolgreich und seit Februar dieses Jahres Botschafterin für die Schulkampagne des Aktionsbündnisses "Gemeinsam für Afrika".

Afrika in Deutschland, das sind zunächst einmal die Botschafterinnen und Botschafter der Staaten des afrikanischen Kontinents. Exzellenzen, ich freue mich, dass Ihr Doyen, Botschafter Paka, gleich nach meiner Begrüßung sprechen wird.

Afrika in Deutschland, dass sind die vielen Bürgerinnen und Bürger, die von ihrer Herkunft nichts mit unserem Nachbarkontinent zu tun haben, aber im Laufe ihres Lebens einen Weg zu ihm gefunden haben, in Politik, Wirtschaft, Kultur oder in der Entwicklungszusammenarbeit. Ich bin schon vielen von Ihnen im Laufe meiner Amtszeit begegnet.

Afrika in Deutschland, das sind für mich heute vor allem die Menschen mit afrikanischen Wurzeln, die hier leben. Die bei uns in Deutschland nicht vergessen haben, woher sie kommen und durch was sie geprägt sind. Einige sind hier geboren, andere erst später hierher gekommen. Einige sind gekommen, um später wieder weiterzuziehen. Andere sind gekommen, weil sie wussten, wir werden ganz bestimmt hier bleiben. Trotz aller Unterschiede: Sie alle gehören zu uns. Und die Freude darüber will ich auch ausdrücken mit dieser Veranstaltung heute. Viele von uns denken: Sie kommen nur zu uns mit ihren Lasten und Sorgen, die ihre Familien oder sie persönlich mit sich tragen. Aber sie kommen doch auch mit ihren Träumen und Fähigkeiten in unser Land. Und sie kommen in Unternehmen, in die Politik, sie sind in Vereinen tätig oder sie sind Künstler oder sie sind Wissenschaftler und an so vielen Stellen im Land können wir ihnen begegnen. Ich freue mich, dass so viele heute gekommen sind.

Ich weiß, dass es für Menschen mit afrikanischen Wurzeln nicht immer leicht ist, in Deutschland zu leben. Ich muss an den Fußball denken, wo Licht und Schatten ganz dicht beieinander liegen: Einerseits zahlen sich Anstrengung und Leistung dort besonders schnell aus. In den meisten Vereinen gibt es Spieler mit afrikanischen Wurzeln. Andererseits kann es dort passieren, dass man auf den Fussballplätzen besonders schnell mit rassistischen Anfeindungen konfrontiert wird. Es ist wichtig, dass die betroffenen Vereine weiter dagegen angehen. Sie tun es ja, aber sie dürfen auch nicht nachlassen. Viele tun das schon seit langem. Ich erinnere mich zum Beispiel noch gut an meine letzte Veranstaltung als Vorsitzender des Vereins "Gegen Vergessen - für Demokratie". Ich war Gast bei den Berliner Eisbären, ein Verein, der sich wie viele andere ganz klar gegen Rassismus engagiert.

Viele von Ihnen, meine Damen und Herren, haben sicher auch in anderen Bereichen unserer Gesellschaft Ihre eigenen Erfahrungen mit Diskriminierung machen müssen. Umso wichtiger ist es, sich auf allen Ebenen dagegen einzubringen und Mitstreiter zu suchen und zu finden. Unsere Gesellschaft bietet unzählige Möglichkeiten dazu: nicht nur hier in Berlin, in allen Bundesländern - in Vereinen, in Gewerkschaften oder in Bürgerinitiativen. Wir stehen ja nicht macht- und hilflos als Bürgermehrheit einer Truppe von Rechtsextremisten gegenüber oder Nationalisten oder Rassisten, die dieses ganze Land prägen würden. Sondern wir müssen uns immer wieder sagen: Wir sind die Mehrheit. Und trotz dieser Situation wollen wir uns gegen Minderheiten engagieren, die die guten Sitten ruinieren können.

Was mich besonders freut ist, wenn zugewanderte Menschen, egal ob aus Afrika oder woanders her, in politischen Parteien tätig sind. Wir erleben eine Verdächtigungskultur gegenüber dem politischen Führungspersonal und gegenüber Parteien. Gleichzeitig spüren wir doch alle, dass die Mitwirkung in Parteien wichtig ist. Denn Demokratie würde sich ohne die Mitwirkung der Parteien als viel schwieriger herausstellen. Und deshalb begrüße ich es und freue ich mich darüber, dass wir heute auch Mandatsträger unter uns haben, die es geschafft haben sich durchzuringen: Ich will Verantwortung übernehmen auch im öffentlichen Raum. Und Sie, Frau Dr. Nantcha, Sie werden nachher auch noch zu uns sprechen. Über Ihre Erfahrung als Stadträtin möchte ich gern einiges hören.

Es gibt so viele unterschiedliche Geschichten, wie Afrikanerinnen und Afrikaner nach Deutschland gekommen sind. Politische Verfolgung, das ist eine besonders bedrückende Geschichte davon. Bei meinem Besuch im Asylbewerberheim in Bad Belzig im letzten Dezember und den Gesprächen dort, habe ich schnell fühlen können, was für Schicksale und wie viele Hoffnungen sich hinter jeder Wanderung verbergen. Ich habe großen Respekt vor dem Mut der Menschen, die ihre Heimat verlassen haben. Sie kommen nach Deutschland im Bewusstsein der großen Freiheit, die wir hier errungen haben und genießen, im Respekt vor Demokratie und im Vertrauen auf den deutschen Rechtsstaat.

Aber Asylbewerber sind nur eine Facette der Zuwanderung. Viele Marokkaner oder Tunesier kamen im Rahmen von Arbeitsvermittlungsabkommen als Gastarbeiter in den 60er-Jahren. Aus der ehemaligen deutschen Kolonie Kamerun zum Beispiel machten sich schon seit langem viele Studenten auf den Weg nach Deutschland. Die Menschen mit afrikanischen Wurzeln, die bei uns leben, sind von ihrer Herkunft und ihrer Geschichte genauso vielfältig wie es der Kontinent Afrika ist.

Sie alle leben in einem Land, das in den nächsten Jahrzehnten, verstärkt durch den demografischen Wandel Zuwanderung brauchen wird. Wer aber Zuwanderung braucht, darf sich nun nicht vor den Zuwanderern fürchten und sie nicht zu allererst als Bedrohung sehen. Das fängt mit der einfachsten aller Feststellungen an, dass die Zugehörigkeit zu Deutschland eben nicht auf einen bestimmten Phänotyp beschränkt ist. Leider ist diese einfache Feststellung noch nicht in allen Köpfen angekommen, so dass der viel zitierte "Migrationshintergrund" bei vielen afrikanischen Menschen zum "Migrationsvordergrund" wird. Migrationshintergrund – ein entzückendes Wort - klingt so technisch, irgendwie weit weg von den Menschen. Dabei muss das Menschengesicht im Vordergrund stehen.

Erinnern wir uns daran, dass in unserer Verfassung ja der ganz wichtige Satz steht, dass alle Menschen eine Würde haben, da ist keine Unterteilung vorgenommen und vorgesehen für differenzierte Zuteilung von Würde, sondern es ist egal welche Farbe sie haben, welche Sprache sie sprechen, welche Religion sie haben, ihnen allesamt wird Würde zuerkannt! Und unser Staat, der wird sich immer weniger durch nationale Herkunft seiner Bürger definieren lassen, sondern er wird die Unterschiedlichen verbinden und es sind die Unterschiedlichen, die das Gemeinsame achten und nach dem Gemeinsamen streben. Ich sehe Deutschland als ein Land, in dem alle zu Hause sein können, die bei unserem Grundgesetz zu Hause sein wollen. Unter dem Dach dieses Hauses wird dann aus der Vielfalt etwas Gemeinsames und wenn das geschieht, dürfen wir uns freuen und wenn wir uns freuen, dürfen wir auch ein wenig stolz sein.

Viele in Deutschland wissen nicht, dass eine große Zahl der Zuwanderer aus Afrika gut ausgebildet ist. Also, sorgen wir gemeinsam dafür, dass das mehr Menschen erfahren. Das sollte dann den Zuwanderern die Türen zu Möglichkeiten der Teilhabe öffnen. Und noch etwas bringen viele Menschen, die aus Afrika nach Deutschland kommen, mit: Für die meisten aus den afrikanischen Staaten ist Mehrsprachigkeit etwas völlig Normales. Viele sprechen zusätzlich zu afrikanischen Sprachen Englisch, Französisch, Portugiesisch oder Spanisch. Da ist dann der Weg zur deutschen Sprache auch nicht mehr so weit. Auch die Akzeptanz von Diversität gehört im afrikanischen Kontinent in vielen Ländern jedenfalls viel stärker zum Alltag. In Deutschland hören wir oft von den ethnischen Konflikten, aber über das friedliche Zusammenleben in den meisten der Vielvölkerstaaten wissen wir doch eigentlich recht wenig.

Ich will nun heute nicht nur über Positives sprechen. Bei meiner Rede vor der Afrikanischen Union in Addis Abeba im März habe ich das auch nicht getan, sondern ich habe auch dort über Probleme Afrikas gesprochen. Über schlechte Regierungsführung zu schweigen, ist kein gutes Werk. Über Armut zu schweigen ist keine Tugend, über Krieg, nicht zu sprechen, das dürfte manchmal sogar ein Vergehen sein und wer über Menschenrechtsverletzungen schweigt, der verliert auch ein menschliches Maß. Deshalb müssen wir darüber sprechen. Und Millionen Menschen fliehen vor Hunger und vor Gewalt. Die meisten Flüchtlinge kommen ja übrigens gar nicht nach Europa, sondern werden in Nachbarländern versorgt. Viele mit Hilfe des Flüchtlingswerkes der Vereinten Nationen. Aber viele eben auch von Gemeinden, die selber nichts oder nur sehr wenig haben. Die innerafrikanische Solidarität mit Flüchtlingen ist schon oft sehr, sehr eindrucksvoll.

Bei meinem Besuch in Äthiopien habe ich viel über Mobilität in Afrika selber gelernt. Für viele ist es normal, sich auf den Weg zu machen – sei es, um schlechte Ernten auszugleichen, oder um neue Handelswege auszuloten oder einfach um bessere Arbeitsmöglichkeiten zu nutzen. In Westafrika leben mehrere Millionen Menschen nicht in ihren Heimatländern. Freizügigkeit – einer der Grundsätze unserer Europäischen Union – ist daher auch in der Afrikanischen Union und den Regionalorganisationen ein großes Thema. In einigen Regionen des Kontinents ist es heute schon sehr einfach, sich auch in einem anderen Land niederzulassen.

Da stellt sich natürlich die Frage, wie Europa und Afrika mit den Fragen der Migration umgehen sollen. Europa, mit einer alternden Bevölkerung wird sich nicht von seinem Nachbarkontinent, mit einer jungen und wachsenden Bevölkerung abschotten können – und sollte es auch gar nicht. Europa wird ganz sicher nicht jeden Afrikaner aufnehmen können, aber andererseits will nicht jeder Afrikaner unbedingt dauerhaft in Europa bleiben. Und in Zeiten der Krise ist es zum Beispiel für Portugiesen normal, auch die Chancen auf einen Arbeitsplatz in europäischen Ländern mit denen in den portugiesischsprachigen Ländern eben auch in Angola oder Mosambik zu vergleichen. Sechs der zehn am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt liegen in Afrika. Viele der Länder dort sind wichtige Zukunftsmärkte auch für die deutsche Wirtschaft, vor allem für den deutschen Mittelstand. Liegt es da nicht auf der Hand, das Wissen und das Können der Menschen mit afrikanischen Wurzeln hier unter anderem auch dafür stärker zu nutzen, um besser ins Geschäft zu kommen? Ich glaube, hier liegt noch eine Menge an unerschlossenem Potenzial. Unsere beiden Kontinente sollten sich auch deshalb gemeinsam überlegen, wie die Migration zwischen ihnen so gestaltet werden kann, dass den Interessen der jeweiligen Zuwanderer wie auch der Aufnahmegesellschaften vernünftig Rechnung getragen werden kann.

Die Afrikanische Union hat ihre Vision von „einem integrierten, wohlhabenden und friedlichen Afrika“. Deutschland wird ihr dabei als Partner zur Seite stehen, dies zu errichten. Frieden, Sicherheit und Entwicklung, sie gehören zusammen, das hat mir auch die Vorsitzende der Kommission der Afrikanischen Union, Frau Zuma, in Addis Abeba bekräftigt. Ich habe großen Respekt vor dem Engagement der Afrikanischen Union für Frieden und Sicherheit.

Aber, der Weg zu einem friedlichen Afrika ist schwer. Und es gibt auch Rückschläge. Ich denke dabei gerade an die Krise in Mali. Tausende von Menschen waren oder sind zum Teil noch vor der Gewalt der Islamisten geflohen. In einigen Regionen des Landes ist die öffentliche Sicherheit trotz des Einsatzes des französischen Militärs und seiner afrikanischen Verbündeten bis heute noch nicht wiederhergestellt. Aber auch in Mali gibt es Aktionen der Zivilgesellschaft. Zum Beispiel haben sich vierzig bekannte Musiker mit dem gemeinsam aufgenommenen Lied zu Frieden und Einheit des Landes bekannt. Eine der beteiligten Sängerinnen ist heute hier. Wir werden sie im Anschluss an die Reden hören: Fatoumata Diawara.

Singen alleine, das wissen wir alle, hilft natürlich nicht gegen akute Gewalt. Im Falle Malis war eine Reaktion in militärischer Art und Weise durchaus angemessen. Aber in der nächsten Phase kommt auf die Afrikaner und ihre Unterstützer der internationalen Gemeinschaft eine große Herausforderung zu. Deutschland hilft sowohl mit militärischen, als auch deutlicher mit zivilen Mitteln. Die Geberkonferenz von Brüssel letzte Woche war ein solch eindrucksvolles Zeichen der internationalen Solidarität für dieses afrikanische Land. Aber auf dieser Konferenz wurden auch die notwendigen politischen Schritte genannt, um die Krise zu bewältigen. Eine Lösung der Krise kann eben letztlich doch nur von innen kommen.

Insgesamt bin ich zuversichtlich, dass Afrika trotz aller Schwierigkeiten auf dem richtigen Weg ist. Afrikanerinnen und Afrikaner fordern stärkere Teilhabe. Sie wollen und werden bessere Gesellschaften gestalten. Und dass sie dies wollen, sollte auch hier besser bekannt sein. Die vielen Veranstaltungen in dieser Woche, die hier aus Anlass des 50. Jahrestages der Gründung der Organisation für Afrikanische Einheit stattfinden, können dazu Impulse geben.

Der berühmte senegalesische Philosoph und Staatsmann Léopold Sédar Senghor, der im Zweiten Weltkrieg als französischer Soldat in deutsche Kriegsgefangenschaft kam, hätte allen Grund gehabt, damals die Deutschen zu hassen. Aber er lernte Deutsch, um die deutsche Literatur zu entdecken. Seine Botschaft an Afrika nach der Lektüre von Goethe war: "Er lehrte uns zunächst, dass in der kulturellen Vereinsamung, in der Selbstbezogenheit, in dem Vorhaben, nur auf die eigene Rasse, die eigene Nation, die eigenen Werte zu bauen, eine große Gefahr lag". Senghor warb für die gegenseitige Inspiration. Und genau dies: Inspiration – brauchen wir in den Krisen dieser Zeit. Und jetzt freue ich mich auf "Afrika in Deutschland", Afrika heute im Schloss Bellevue.