Rede der Stadträtin Dr. Sylvie Nantcha, Schloß Bellevue 24. Mai 2013

Sehr geehrter Herr Bundespräsident!
verehrte afrikanische Botschafter und Botschafterinnen,
Meine Damen und Herren,

Es ist mir Ehre und Freude, im Schloss Bellevue zu sprechen – vor dem Bundespräsidenten meiner deutschen Heimat. Dem Herrn Bundespräsidenten möchte ich für seine Einladung zu dieser Rede ebenso danken wie für die freundlichen Worte der Begrüßung und Wertschätzung, mit denen er uns allen und vor allem den Afrodeutschen empfangen hat. In dieser Stunde wende ich mich an Sie, verehrte Damen und Herren – gewiss auch als eine von dieser Afrodeutschen, die einst nach Deutschland kam um zu studieren und sich nach dem Studium entschieden hat hier zu bleiben und die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen. Von den ca. 500 000 Menschen mit afrikanischer Abstammung, die in Deutschland leben, sind die meisten Bildungsmigranten. Gleichzeitig wende ich mich an Sie verehrte Damen und Herren als eine die sich lebenslang seiner afrikanischen Herkunft verbunden weiß und die Geschicke der deutsch-afrikanischen Freundschaft mit Anteilnahme verfolgt. Aber die Einladung zu dieser Rede gilt mir als afrodeutsche Stadträtin und als Helene Weber Hauptpreisträgerin Deutschlands, die die sich hier in Deutschland politisch für die Gestaltung unserer gemeinsamen Gegenwart und Zukunft und für die Stärkung der deutsch-afrikanischen Beziehung einsetzt.
Von dieser meiner internationalen Verantwortung her möchte ich Ihnen einige Episoden meiner Lebensgeschichte vorlegen, die uns zum Nachdenken anregen könnten oder einige von uns inspirieren und ermutigen können.

Ich lebe seit 21 Jahren in Deutschland. Länger als in meinem Geburtsland. Mit 17 Jahren kam ich aus Kamerun nach Deutschland um zu studieren. Ich habe in Freiburg Germanistik, Sprachwissenschaft und Romanistik studiert und promoviert. Hier in Deutschland habe ich meinen Mann kennen gelernt und wir leben in Freiburg mit drei Kinder. Deutschland ist unser Lebensmittelpunkt. Ich arbeite hier aber darüber hinaus engagiere ich mich ehrenamtlich in der Kirchen-, in der Eltern- und in der Vereinsarbeit. In vielen Vereinen war ich die einzige Afrodeutsche und hatte Bedenken, ob ich akzeptiert sein werden. Grundsätzlich habe ich eine sehr positive Erfahrung gemacht. Anekdote

Wir haben in Freiburg gegründet. Deutschland ist mein Lebensmittelpunkt aber meine afrikanische Herkunft ist mir wichtig , deshalb haben wir in Freiburg ein Gospelchor und einen interkulturellen Deutsch-Afrikanischen Verein gegründet, viele n von den Afrodeutschen haben sicherlich eine ähnlich Erfahrung gemacht. Ich habe erfahren, dass selbst unsere Sängerin heute Frau Quainoo in einem Gospelchor gesungen hat.
Über die Vereinsarbeit hinaus erschien mir auch wichtig mich in einer politischen Partei zu engagieren. 2009 haben mir Freiburgerinnen und Freiburger als erste afrodeutsche CDU-Stadträtin Deutschlands gewählt. Einige Monate später wurde ich als erstes afrodeutsches CDU-Landesvorstandsmitglied Deutschlands in Baden-Württemberg gewählt.
Meine Damen und Herren, drei Tage nach meiner Wahl in den Landesvorstand der CDU Baden-Württemberg 2009 beschäftigten sich mehr als 89.000 Webseiten im Internet mit meiner Wahl. Ich galt jetzt vielen als Paradebeispiel für Integration. Auf einmal wurde Integration im Zusammenhang mit der politischen Partizipation und Teilhabe von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte in Blogs, in Internet-Kommentaren und in Chats sehr positiv diskutiert. Schon unmittelbar nach dieser Wahl Ende 2009 wurden aber auch politisch rassistische und ausländerfeindliche Stimmen laut. Meine politische Tätigkeit sah die NPD als den Versuch, Deutschland und Baden-Württemberg zu verkaufen und zu verraten. Also sollte es darum gehen, mich heim zu schicken, „heim nach Afrika“. Die Stimmen, die jetzt laut wurden, verstanden keinen Spaß. Im Dezember 2009 kamen die ersten anonymen Drohungen. Die erste Mail ohne Absender ging im Rathaus ein, mit dem Auftrag an den Oberbürgermeister, mich heimzuschicken. Kurz darauf folgre die zweite Botschaft: Wenn ich nicht heimginge, würde ich die Kugel bekommen. Einige Tage später wurden online Petitionen gestartet mit der Botschaft: „Wir brauchen keine schwarze „Stadträtin“ in Deutschland! Frau Nantcha – in Freiburg – muss sofort WEG!“ Unterschriften wurden gesammelt. Und auch die folgende Botschaft wurde online veröffentlicht: „Die CDU-„Stadträtin“ in Freiburg Frau Sylvie Nantcha – ist Schamm für uns alle! WEG!“
Im Freiburger Rathaus machte sich Empörung breit.
Viele konnten nicht glauben, dass diese Form von Fremdenfeindlichkeit und Volksverhetzung in unserer deutschen Gesellschaft im 21. Jahrhundert existiert kann. Und noch dazu die Androhung von Mord. Auch ich war entsetzt, schockiert und empört.

Aber ich habe mich gestärkt gefühlt von den vielen Unterstützungen im öffentlichen Bereich von dem Freiburger Rathaus, von meiner Fraktion, von der Polizei und natürlich auch im privaten von meiner Familie und Freunden.
Wie verhält man sich als Betroffene? Als ich davon erfuhr, habe ich die Polizei eingeschaltet.
Nicht nur ich hatte Probleme sondern meine Kinder auch. Sie wurden auch schon in der Schule aufgrund ihrer Hautfarbe ausgegrenzt und gemobbt. Wir mussten deshalb die Schule wechseln, um Ihnen einen neuen Anfang zu ermöglichen. Wir wollten nicht, dass sie in der Angst und Unsicherheit leben. Vieles war zu klären: Wollten wir jemand zu unserer Sicherheit vor Ort haben? Waren Polizeistreifen um unser Haus ausreichend? Sollten wir eine Alarmanlage in unserem Haus einbauen? Wie konnten wir vermeiden, die Nachbarn nervös zu machen. Monat lang lebten wir sehr vorsichtig, da wir nicht wusste, was passieren könnte. Unsere Postadresse wurde überall gelöscht. Wir zogen sogar um.
Trotz alledem und gerade deswegen: Aufgeben galt nicht. Meine Entscheidung hatte ich bewusst getroffen: Ich wollte mich von diesen rassistischen Gruppierungen nicht einschüchtern und beeinflussen lassen, weil ich mir meiner Verantwortung für meine Mitmenschen bewusst war. Diese Menschen durften keine Macht über mich und meine Familie haben.
Ich versuchte, mich auf meine Arbeit und meine politischen Aufgaben zu konzentrieren. Und gleichzeitig galt für mich galt – niemals, niemals, niemals und niemals aufgeben, Und mich hat auch ermutigt, dass Sie Herr Bundespräsident in ihrer Antrittsrede hier im deutschen Bundestag gleich das Problem Fremdenfeindlichkeit und Rassismus mit deutlichen Worte angesprochen haben. Sie habe gesagt: „Euer Hass ist unser Ansporn“. So wie Sie anderen Mut machen, so will ich auch Anderen Mut geben mit meinem Engagement.
Ich werde mich auch weiter für mehr Bildungsgerechtigkeit, ein besseres Miteinander in unserer Gesellschaft, ein friedliches Miteinander in unserer Gesellschaft aber auch eine Akzeptanz des Andersseins einsetzten. Ich möchte mich als Anwältin der vielen Kinder mit Migrationshintergrund sehen, die hier in Deutschland zur Welt kommen und aufwachsen und sich nicht immer in ihrem Anderssein akzeptiert fühlen. In Großstädten haben 50% der Kinder unter 10 einen Migrationshintergrund. Mir war wichtig, dass diese Kinder sich hier zuhause fühlen, sich als Teil dieser Gesellschaft fühlen und Vorbilder in der Politik haben. Ich habe am eigenen Leib erfahren habe, wie wichtig für gelingende Integration Sprache und Bildung sind. Mit Integration meine ich die Gestaltung einer Gesellschaft der Chancengerechtigkeit für alle Menschen, mit und ohne Migrationsgeschichte. Mit Integration meine ich aber auch die erfolgreiche Gestaltung des Zusammenlebens von Menschen mit und ohne Migrationsgeschichte. Die deutsche Gesellschaft muss eine Chancengesellschaft auch für Minderheiten und Benachteiligten sein. Dies setzt ein Miteinander und ein Füreinander voraus!
Als Kommunalpolitikerin erfahre ich in meinem Alltag, dass die Kommunalpolitik die Kernzelle der Demokratie ist und bleibt. Die kommunale Ebene ist eine wichtige Gestaltungsmöglichkeit für mich, denn hier werden Entscheidungen in Bereichen getroffen – wie Stadtentwicklung, Wirtschaftsförderung, Kultur, Bildung, Integration, Umwelt, Verkehrspolitik oder internationalen Beziehungen –, die sich unmittelbar auf das Lebensumfeld auch von Frauen und Männern, von Kindern und Senioren, von Migranten und Migrantinnen auswirken. Und ich als afrodeutsche Stadträtin kann mich einbringen, mich einmischen, mitdiskutieren und mitentscheiden. Und so erlebe ich die Kommune auch als ein Ort, in dem die Nächstenliebe, die Nachbarschaft und die Gemeinschaft praktiziert werden. Die Kommune erfahre ich als ein Ort der gelebten Menschlichkeit. Die Kommune ist ein Ort der praktizierten Solidarität. Und ich betrachte mich vor Ort als Entwicklungshelferin, nicht im Sinne der Drittländerstaaten, sondern ich helfe hier in Deutschland, vor Ort bei Entwicklungen. Ein gesellschaftspolitisches Engagement ist für mich seit Kindheit und Jugend etwas Selbstverständliches. Das C d.h. mein christlicher Glaube verpflichtet mich dazu, für die Menschen da zu sein und für sie aus Nächstenliebe zu kämpfen.
Ich bin ein großer Fan der Kommunalpolitik, aber es ist wichtig, dass Afrodeutsche auch auf allen politischen Ebenen vertreten sind. Ich möchte an dieser Stelle die zwei afrodeutschen Bundestagskandidaten Deutschlands gratulieren und wünsche Ihnen viel Erfolg. Und ich wünsche mir eine stärkere Repräsentanz von Afrodeutschen in Politik aber auch im öffentlichen Dienst. Und ich wünsche mir mehr Sichtbarkeit der Afrodeutschen.

Meine Damen und Herren,
Kennen Sie Helene Weber? Sie ist eine der nur vier Mütter des deutschen Grundgesetztes. 2011 wurde in Deutschland wurde ein Helene Weber Kolleg gestartet. Es ist die erste bundesweite, parteiübergreifende Plattform für politisch engagierte und interessierte Kommunalpolitikerinnen. Die Unterrepräsentanz der Frauen und der Migranten im Allgemeinen in der Politik und überhaupt in Führungspositionen in Wirtschaft, Verwaltung und Wissenschaft ist ein wichtiges Thema, das uns alle in Deutschland angeht und aber auch international, wenn wir uns an einer wirklich repräsentativen Demokratie liegt. Gemeinsam mit den anderen Preisträgerinnen des Helene Weber Preises starteten wir in Berlin mit der tunesischen Frauenministerin im Rahmen dieses Kollegs ein Transformationsprojekt mit Tunesien. Es ist uns wichtig die Zivilgesellschaft in Tunesien in Ihren Bestrebungen nach einer Demokratie, die von der Gleichstellung der Geschlechter geprägt ist, zu unterstützen und Sie teilhaben lassen an unseren Erfahrungen. Diese Erfahrungen verbinden uns und erinnern uns an unserer internationalen Verantwortung.
Afrika in Deutschland ist das Motto der heutigen Matinee zum 50. Jubiläum der Gründung der Organisation für afrikanische Einheit. Ich bin der festen Überzeugung, dass Afrika auch in Zukunft noch eine wichtigere Rolle für Deutschland spielen wird. Deshalb ist es wichtig, dass wir uns auf Augenhöhe begegnen, von Menschen und Menschen. Es ist aber auch notwendig und sehr wichtig für mich als Afrodeutsche, dass Deutschland aus seinem Schlaf erwacht und vielen Chancen der deutsch-afrikanischen Beziehungen viel stärker ergreift als es jetzt der Fall ist. Leider gewinnt man oft den Eindruck, dass Deutschland die Erschließung der afrikanischen Märkte eher den Chinesen überlässt. Die Türen des Nachbarn Kontinents stehen uns weit offen. Afrodeutschen sind bereit jeder der es will durch diese Tür zu begleiten. Lassen Sie doch uns als Afrodeutsche doch die Kenntnisse unser Herkunftsländer besser nutzen. Das ist gut für das Geschäft. Das ist gut für gegenseitige Kennenlernen und das gegenseitige Miteinander. Viele afrikanische Länder haben Respekt vor dem Made in Germany und vor den deutschen Tugenden und sind bereit mit Deutschland in unterschiedlichen Bereichen zusammenzuarbeiten.
Diese Erfahrung machen Afrodeutschen vor Ort in Afrika. Dieses Potential der Afrodeutschen sollte besser genutzt werden. Eine wichtige Rolle spielen dabei die Botschaften der afrikanischen Länder hier. Ich bedanke mich bei allen Botschaftern und insbesondere bei dem Botschafter Doyen Paka für die Bereitschaft der Zusammenarbeit. Ich habe gespürt, dass viele Botschafter die bedeutende Rolle der Afrodeutschen als Bindeglied und als Brückenbauer für die Stärkung der deutsch-afrikanischen Beziehungen ihnen bewusst ist. Auch das ist für mich ein wichtiger und neuer Aspekt von Afrika in Deutschland.
Bei Ihnen Herr Bundespräsidenten möchte ich mich besonders bedanken.
Sie haben diese verschiedenen Aspekte von Afrika in Deutschland hier zusammengebracht. So etwas hat es meines Wissens noch nicht in Deutschland gegeben. Danke schön.